Arzneipflanze des Jahres 2026 Ingwer (Zingiber officinale)
Arzneipflanze des Jahres 2026 Ingwer (Zingiber officinale)
Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde hat Ingwer (Zingiber officinale) zur Arzneipflanze des Jahres 2026 ernannt. Ausschlaggebend dafür ist seine vielfältige Bedeutung in Medizin und Alltag – sowohl früher als auch heute. In der homöopathischen Praxis hat Zingiber bislang keine größere Bedeutung erlangt. Entsprechend finden sich nur wenige dokumentierte Anwendungsbeispiele oder Kasuistiken.
Die antiemetisch, karminativ und antiphlogistisch wirkende Scharfstoffdroge ist weltweit verbreitet. Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg kürte den Ingwer zur Arzneipflanze des Jahres 2026. Neben seiner langen Nutzungsgeschichte war vor allem die grundlegende Neubewertung durch den Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), die im Mai 2025 veröffentlicht wurde, ausschlaggebend für die Entscheidung (https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/zingiberis-rhizoma). Zudem wird in naher Zukunft eine neue Monografie der European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) erwartet.
Ingwer wird seit der Antike in der europäischen und arabischen Medizin als Importdroge geschätzt und vor allem bei Verdauungsstörungen eingesetzt; zahlreiche historische Quellen belegen seine Verwendung bei Magen-, Darm- und Allgemeinerkrankungen, während die Anwendung gegen Reisekrankheit erst im 19. Jahrhundert dokumentiert ist. Moderne pharmakologische Untersuchungen bestätigen insbesondere die antiemetischen, verdauungsfördernden und entzündungshemmenden Wirkungen, die vor allem auf Gingerole und Shogaole zurückgeführt werden. Die aktualisierte HMPC-Monographie von 2025 (https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/zingiberis-rhizoma) unterscheidet zwischen gut belegten (well-established use ) und traditionell anerkannten Anwendungen von Ingwer, wobei die Prävention von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit als „well-established use“ gilt. Daneben werden mehrere traditionelle Indikationen genannt, deren klinische Evidenz unterschiedlich stark ist und insgesamt vor allem für gastrointestinale Beschwerden und verschiedene Formen der Übelkeit als belastbar angesehen wird, außerdem u.a. vorübergehende Appetitlosigkeit, Linderung leichter Gelenkschmerzen sowie Linderung von Erkältungssymptomen. Die letzten drei Indikationen wurden in der Revision 2025 neu aufgenommen. Die Monografie weist zugleich auf eine teils erhebliche Qualitätsvariabilität und eine unterschiedlich starke klinische Evidenz hin.
Zingiber in der Homöopathie
Als homöopathische Arznei wurde der Ingwer (Zingiber) im Jahr 1835 mit zunächst nur 36 Symptomen als „Fragment“ in Stapfs „Archiv für die homöopathische Heilkunst“ (ACS) eingeführt (Band 15, Heft 1, S. 182-184). 1866 erschien dann eine umfangreichere Arbeit des amerikanischen homöopathischen Arztes Charles H. Gundelach (* 1839), der die im ACS bereits dokumentierten Symptome in seine eigene Arzneimittelprüfung integrierte. In der Abhandlung werden 550 Symptome gelistet; rechnet man die doppelt aufgeführten und die rein klinischen Symptome heraus (wie T.F. Allen es für seine „Encyclopedia of pure materia medica“ getan hat), bleiben 362 prüfungsbasierte Symptome.Eine besondere Bedeutung hat Zingiber in der homöopathischen Praxis bisher nicht erlangt, jedenfalls sind kaum Kasuistiken zu finden. Das mag auch daran liegen, dass die Arznei in vielen repertorialen Werken fehlt. Weder in Bönninghausens „Therapeutischem Taschenbuch“, noch in GHG Jahrs „Handbuch der Hauptanzeigen“ wird es erwähnt, aber auch in CM Bogers „Synoptic Key“ oder „General Analysis“ sind keine Einträge zu finden.
Im Jahr 2014 erschien eine Studie zur Anwendung von potenziertem Zingiber (von C 6 bis M) bei Akne vulgaris mit „ermutigenden Ergebnissen“ („encouraging results“). Der Studienansatz erscheint merkwürdig, zeigen die vorliegenden Prüfungssymptome und klinischen Erfahrungen keinen besonderen Bezug zur Akne. Wohl aber ist aus der Kosmetik bzw. Phytotherapie bekannt, dass ingwerhaltige Präparate – man vermutet aufgrund der antibakteriellen Eigenschaften – eine positive Wirkung auf das Hautbild haben können.
Einen aktuellen Überblick über die Erwähnungen von Zingiber in der homöopathischen Fachliteratur bietet eine Anfang 2026 erschienene, kurze Arbeit von Sharma, Dwivedi und Jhade (unter „Quellen“ verlinkt). Nach ihrer Literaturrecherche halten die Autoren Zing. für ein nicht ausreichend verwendetes Polychrest. Bei genauer Betrachtung handelt es sich dabei womöglich um einen etwas voreiligen Schluss.
Quellen
- Archiv für die homöopathische Heilkunst, Band 15 (1835).https://archive.org/details/s8id13277150
- New provings of the following remedies: Cistus canadensis by Constantine Hering, Cobaltum by Constantine Hering, Zinziber {Zingiber] by C. Gundelach [auf dem Titel fälschlich als “Gunderlach” angegeben], Mercurius protojodatus by W. James Blakely. https://archive.org/details/61731010R.nlm.nih.gov/mode/2up
- Miglani A / Manchanda RK: Prospective, non-randomised, open-label study of homeopathic Zingiber officinale (ginger) in the treatment of acne vulgaris. https://doi.org/10.1111/fct.12140
- Sharma D., Dwivedi P., Jhade D. A Comprehensive Review of Zingiber officinale in Homeopathic Literature: From Traditional Use to Modern Clinical Evidence. International Journal of innovate research in technology (IJIRT) 2026; 12(8), 1098–1100. https://ijirt.org/publishedpaper/IJIRT189805_PAPER.pdf
Stefan Reis
Quelle: Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg





