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Belastende Kindheitserfahrungen könnten das Gehirn schneller altern lassen

Belastende Kindheitserfahrungen könnten das Gehirn schneller altern lassen Belastende Kindheitserfahrungen könnten das Gehirn schneller altern lassen Fotolia #18642703 ©benik.at
Es ist bekannt, dass belastende Kindheitserfahrungen später im Leben Depressionen und Angststörungen fördern können. Sie scheinen jedoch auch neurodegenerative Prozesse im Gehirn zu verstärken und zu einer beschleunigten Hirnalterung zu führen, wie eine aktuelle Studie nahelegt.


Erwiesen ist, dass sich stressreiche und hochbelastende Kindheitserfahrungen mitunter negativ auf die Gesundheit im Erwachsenenalter auswirken. Betroffene erkranken häufiger unter Depression, Angststörungen, Herzkreislauf- oder Stoffwechselerkrankungen. Ob solche Belastungen in der Kindheit auch das Entstehen neurodegenerativer Erkrankungen fördern können, war bislang nicht erwiesen. Jetzt konnten Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigen, dass schwerwiegende Kindheitserfahrungen zu messbaren Anzeichen für eine beschleunigte Hirnalterung führen und neurodegenerative Prozesse im Alter verstärken.

„Stress und Trauma während der Kindheit wie etwa Misshandlung oder Vernachlässigung, häusliche Gewalt, Substanzmissbrauch oder Kriminalität in der Familie oder der Verlust eines Elternteils – Erfahrungen dieser Art betreffen tatsächlich nicht wenige Menschen in unserer Gesellschaft“, sagt Studienleiterin Prof. Christine Heim, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie der Charité. „Rund 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung berichten über stressreiche und hochbelastende Kindheitserfahrungen. Diese können molekulare und neurobiologische Spuren hinterlassen und das Hormon- und Immunsystem beeinflussen, was zu einem lebenslang deutlich erhöhten Risiko für verschiedene Erkrankungen beitragen kann.“ Mit ihrer Untersuchung wollte das Forschungsteam herausfinden, ob sich diese frühen belastenden Lebenserfahrungen langfristig auf die Gehirnalterung auswirken und neurodegenerative Prozesse fördern.


Biomarker, Hirn-Scan und kognitive Tests

An der Studie nahmen 179 Frauen zwischen 30 und 60 Jahren teil. Da Frauen ein erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen haben, legten die Wissenschaftler*innen den Fokus ihrer Forschungsarbeit auf diese Hochrisikogruppe. Zunächst führten sie klinische Interviews durch, um das Ausmaß stressreicher und hochbelastender Erfahrungen in der Kindheit – noch vor Einsetzen der Pubertät – zu erfassen. Außerdem haben sie Blutproben der Studienteilnehmerinnen mithilfe von Hochpräzisionstechnologien auf Biomarker untersucht, die spezifische Entzündungsprozesse und das Absterben von Nervenzellen anzeigen.

Mittels Magnetresonanztomographie erstellten die Forschenden Hirnscans, um die Größe des Gehirns sowie die der mit Hirnwasser gefüllten Hohlräume zu erfassen. Die kognitive Leistung der Teilnehmerinnen ermittelten sie mit einem standardisierten und international anerkannten Testverfahren. Dabei mussten die Teilnehmerinnen verschiedene Aufgaben am Computer lösen. Die Forschenden haben für die Studie drei spezifische Tests ausgewählt, die sehr genau frühe Anzeichen für eine Demenz detektieren können.

Mithilfe statistischer Modelle haben die Forschenden die erhobenen Daten ausgewertet. Sozioökonomische Faktoren sowie das Vorliegen psychischer Probleme wie etwa Depressionen, die beim Entstehen neurodegenerativer Erkrankungen eine Rolle spielen können, haben die Wissenschaftler*innen herausgerechnet, sodass die zu untersuchenden Zusammenhänge nicht beeinflusst oder verfälscht wurden.


Frühe Stresserfahrungen begünstigen verstärkte Hirnalterung

Die Ergebnisse waren auf allen drei Untersuchungsebenen eindeutig: Frauen, die in ihrer Kindheit in hohem Maße Stress oder Trauma erlebten, wiesen im Blut vermehrt Biomarker für Entzündungen und Neurodegeneration auf, hatten ein geringeres Hirnvolumen und mehr kognitive Probleme. „Die Ergebnisse unserer Studie zeigen einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen frühen psychosozialen oder sozio-emotionalen Stresserfahrungen und verstärkter Hirnalterung bei Frauen. Frühe belastende Lebenserfahrungen scheinen also tatsächlich das Risiko für die Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen zu erhöhen.

Dass Frauen deutlich häufiger an Demenz erkranken als Männer, ist einer der Gründe, warum die Wissenschaftler*innen in der aktuellen Studie zunächst nur Frauen in den Fokus nahmen. In künftigen Untersuchungen will das Team um Prof. Heim untersuchen, ob bei Männern ähnliche Zusammenhänge zu beobachten sind.


Originalpublikation

Fleck L, Buss C, Bauer M, Stein M, Mekle R, Kock L, Klawitter H, Godara M, Ramler J, Entringer S, Endres M, Heim C. Early-Life Adversity Predicts Markers of Aging-Related Neuroinflammation, Neurodegeneration, and Cognitive Impairment in Women. Ann Neurol. 2025 Apr;97(4):642-656. doi: 10.1002/ana.27161. Epub 2025 Jan 9.

Quelle: Institut für Medizinische Psychologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin
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