Stellungnahme zu: Natalie Grams „Homöopathie neu gedacht“
Stellungnahme zu: Natalie Grams „Homöopathie neu gedacht“
Sicherlich haben Sie inzwischen durch diverse Medienberichte von Frau Dr. Grams Publikation gehört. Wir möchten an dieser Stelle auf das Buch eingehen und eine kritische Bewertung abgeben. Aus unserer Sicht ist die Anschaffung des Buches nicht wirklich lohnenswert. Es bietet wenig neue Denkansätze, ist schlecht recherchiert und es mangelt ihm an ausreichender Wissenschaftlichkeit. Was bedauerlich ist, zumal die Autorin Grams gerade Letzteres der Homöopathie abspricht.
Wir möchten als Berufsverband dem Buch keine ausführliche Rezension widmen. Trotzdem nehmen wir, ebenso wie der Deutsche Zentralverein Homöopathischer Ärzte, Stellung zu dem Werk, das für einigen Medienrummel gesorgt hat. Unverdientermaßen, wie wir finden.
Tatsächlich neu gedacht?
Was Frau Dr. Grams zu einem Buch dieser Art bewogen haben mag, können wir nicht nachvollziehen.
Was sie sich dabei gedacht hat, versucht sie in fünf Kapiteln zu erklären; allerdings scheint ein „neues Denken“ hier nicht stattgefunden zu haben. Allzu häufig finden sich Hinweise auf hinlänglich bekannte negative Studien wie die Egger/Shang et al.-Metaanalyse aus dem Jahr 2005, die nun selbst in wissenschaftlichen Kreisen kaum noch Unterstützer findet. Einblicke in Philosophie, Psychologie und Salutogenese werden aus Wikipedia-Einträgen zitiert, Aussagen zur Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie verweisen auf Privatmitteilungen von Dr. Norbert Aust (aktiv bei der GWUP). Dies passt nicht so ganz in das Bild der Wissenschaftlichkeit, die die Autorin propagiert und der Homöopathie abspricht.
Hintergründe
Ebenso wenig können wir uns erklären, wieso ihr erst nach fundierter homöopathischer Ausbildung und Etablierung in, nach eigenen Angaben, „florierender Praxis“ mit Patienten schwerster Pathologien, Zweifel an der Homöopathie gekommen sind. Für gewöhnlich stellen sich Fragen grundlegender Art zu Potenzierung und Lebenskraft spätestens bei der Lektüre des Organons und begleitender Literatur. Definitiv sind diese Themen Bestandteil der ärztlichen A-F-Weiterbildungskurse, die sie als Ärztin absolviert haben muss, um eine Zusatzbezeichnung Homöopathie zu erlangen.
Das Basiswissen zu Fallaufnahme, Potenzierung und Mittelwahl beherrscht Frau Dr. Grams und stellt dies auch anschaulich dar. Auch die Sankaran-Methode, nach der sie bisher behandelt hat, findet bei ihr Zuspruch, wenngleich sie hier doch eher den psychologischen Effekt als erfolgversprechend ansieht. Trotzdem untermauert sie ihre Statements zur Unsinnigkeit von Ähnlichkeitsprinzip, Potenzierung und Lebenskraft vehement mit den bekannten Argumenten aus Physik und Chemie: Ohne materiellen Inhalt keine Wirkung und die Beschwerden/Symptome des Patienten können nicht mit den Arzneimittelbildern korrelieren, weil diese ja nur willkürlich zusammengestellt wurden. Insgesamt hat man häufiger das Gefühl, dass sie noch nicht so recht weiß, wohin sie eigentlich will. Homöopathie ja, aber auf keinen Fall das Ähnlichkeitsprinzip und schon gar nicht die Arzneimittel, in denen ja nichts wirken kann.
Der Placebo-Effekt soll nach Frau Dr. Grams Meinung der Schlüssel zum Erfolg der Homöopathie sein, das therapeutische Setting mit der einfühlsamen, empathischen Konditionierung durch den Therapeuten sei ausschlaggebend, ganz egal, welche Globuli gegeben werden. Weil ja bisher keine einzige Studie jemals bewiesen hätte, dass Hochpotenzen irgendwelche Auswirkungen auf den Organismus haben. Da müssen wir Frau Dr. Grams leider mangelnde Aufmerksamkeit attestieren. Gerade im Bereich der Grundlagenforschung haben zahlreiche Versuchsmodelle gezeigt, dass offensichtlich auch Hochpotenzen Wirkung zeigen.
Fazit
Wir empfehlen das Buch deshalb nur bedingt zur Lektüre.
Stilistisch richtet es sich an Laien und ist zum einen sehr leichte Kost, zum anderen selbst für psychologisch oder philosophisch bewanderte Leser eine echte Herausforderung. Es ist im Grunde für den homöopathisch versierten Leser eine recht ermüdende Lektüre, ohne substantielle neue Erkenntnisse in Bezug auf die Homöopathie.
Wir würden uns wünschen, dass Frau Dr. Grams einen Weg findet, der ihren Vorstellungen entspricht, ohne die Grenzen naturwissenschaftlicher Erklärbarkeit zum einzigen Maßstab, sogar zum ethischen Maßstab therapeutischen Handelns zu erheben und damit Patienten zu verunsichern. Wir haben uns gefragt, was wohl die von Frau Dr. Grams behandelten Patienten über dieses Buch und ihre homöopathische Ärztin gedacht haben, die erst nach Jahren homöopathischer Praxis die Grundlagen der Therapie erkannt haben will und sich daraufhin jetzt von der Homöopathie abwendet.